Digitalisierung, Unsterblichkeit, Verantwortung

Warnhinweis:
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~ Anomalie der Internet-Aktivitäten im Jahre 2014.

Die Digitalisierung hat innerhalb der vergangenen Jahrzehnte mehr an Veränderungen für die Menschen und für unseren Heimatplaneten generiert, als ich oder irgendjemand dies in 5, 10 oder 1000 Sätzen bzw. Stichpunkten zusammenfassen könnte. Trotzdem wage ich den Versuch, ehe es in den schönen, bunten Mai 2014 geht, der wieder viel Neues hervorbringen wird, mich ein wenig von der Philosophie leiten und inspirieren zu lassen, über unser aktuelles und zukünftiges Leben nachzudenken, wie es Menschen wahrscheinlich schon tun, solange sie denken können, also wenigstens einige Zigtausend Jahre.

 

Street-Fotografie by Michael M. Roth, MicialMedia

Street-Fotografie by Michael M. Roth, MicialMedia

Die Zeit spielt für unser Leben und all das, was dazu geführt hat, eine unglaublich wichtige Rolle. Doch genauso wie Distanzen und Räume wird die Zeit für die Menschen irgendwann nicht mehr fassbar. Desto bemerkenswerter ist es, dass wir sie trotzdem in unglaublichen Größenordnungen bestimmen und Epochen oder Ereignisse in der Erd-, Sonnensystem- und sogar Universumsgeschichte definieren, die stattgefunden haben. Der Urknall soll vor ca. 13,7 Milliarden (Milliarden, nicht Millionen!) Jahren stattgefunden haben. Und jetzt kommt das Unvorstellbare in die andere Richtung: Innerhalb von nur 1 Milliardstel Sekunde ist der Raum auf die Größe unseres Sonnensystems angewachsen. Das Universum und seine (noch andauernde!) Geschichte sind gefüllt von derartigen, aus menschlicher Sicht unvorstellbaren Dimensionen, Größenverhältnissen bei Raum und Zeit und Ereignissen.

Was bei mir immer wieder Gänsehaut uns Faszination auslöst: Nicht nur das Wissen, Weltwissen, das wir heute haben, das uns gleichzeitig auch darauf hinweist, wie viel wir noch nicht wissen, sondern auch die Zunahme der Erkenntnisgewinngeschwindigkeit. Ich bin durchaus versucht, dieses Phänomen ins Verhältnis zur Evolution der biologischen und der Menschwerdung auf der Erde zu setzen. Wenn wir von ca. 4 Milliarden Jahren biologischer Evolution auf dem Planeten Erde ausgehen, so gab es etwa 2 Milliarden Jahre nur Einzeller. Millionen, Millionen und aber Millionen von Jahren tat sich also „nichts“. Es gab einige, für die Entwicklung der Menschheit essentielle Vorkommnisse auf der Erde. So sagen Wissenschaftler, dass vor ca. 650 Millionen Jahren die Erde für die Dauer von einigen Millionen Jahren ein kompletter Schnee- (Eis!) Ball war, und erst danach sich der Sauerstoffgehalt der Erdatmosphäre vom einstelligen Bereich bis auf über 20% steigerte, was erstmal die Entwicklung komplexeren Lebens gestattete. Vor 165 Millionen Jahren dann – wie konnten sich solche unglaublichen Wesen überhaupt entwickeln? – starben die Dinosaurier aus. Der Einschlag eines Asteroiden, wie sie alle paar Tausend oder Millionen Jahre geschehen, soll alles größere Leben auf der ausgelöscht und somit kleineren Lebenwesen, die sich in der Erde vergraben konnten, Überlebens- und Entwicklungschancen gegeben haben.

Was „wussten“ all die auf der Erde über Millionen von Jahren existierenden Lebewesen über das Universum? Im Grunde nichts. Bis auf die Umwelt- und Lebensbedingungen, die natürlich Resultat der Entwicklung des Universums sind, an die sich anpassten oder anzupassen versuchten. Machen wir einen wirklich großen Zeitsprung seit Anbeginn der Genese unseres Heimatplaneten. Sagen wir 4 Milliarden Jahre plus 1600. Wir befinden uns also im Jahre 1600 nach der Geburt Christi. Es lebt ein Mensch, der seiner Zeit weit voraus ist: Der italienische Priester, Philosoph und Astronom Giordano Bruno. Er widerspricht dem zu dieser Zeit vorherrschenden geozentrischen Weltbild, das die Erde als Mittelpunkt des Universums sieht. Als Konsequenz verbrennt ihn die Inquisition auf dem Scheiterhaufen.

Heute, im Jahre 2014, sind wir gerade mal gute 400 Jahre weiter. Doch unser Weltbild ist nicht nur ein wenig ergänzt worden seit dem tragischen Tod von Bruno, nein, es hat sich dramatisch verändert, in so vielen Belangen gerade zu auf den Kopf gestellt. Die NASA steuert inzwischen schon die 2. Generation an Marsfahrzeugen auf dem 380 Millionen km entfernten roten Planeten. Das Weltraumteleskop Hubble hat mit 800 Aufnahmen in 400 Tagen ein Superfoto von einem 10-Milliardsten Teil des sichtbaren Universums gemacht und 10.000 Objekte in dieser kombinierten Aufnahme gefunden, die meisten davon sind Galaxien, die jeweils wieder Milliarden von Sternen enthalten – Bei unserer eigenen Galaxie, der Milchstraße, spricht man von 100 Milliarden Sternen, jeder davon eine „Sonne“ wie unser Heimatstern (oder um Vielfache größer) – Die Größe des Ausschnittes entspricht der Größe einer Bleistiftspitze, die ein virtueller Astronaut mit ausgestrecktem Arm vor seine Augen halten würde. Es geht um Superlative, ja. Nicht mehr und nicht weniger hat unser Universum zu bieten. Wobei, „nicht mehr“, da will ich mich jetzt lieber nicht festlegen!

Warum die ganze, ausführliche Vorrede zum selbst ausgewählten Thema bzw. Themenkomplex „Digitalisierung, Unsterblichkeit, Verantwortung“? – Ich bin der Meinung, dass die Menschheit in den kommenden Jahrzehnten und Jahrhunderten noch weitaus fundamentalere Umwälzungen bezüglich der eigenen Art, des Lebens auf der Erde und im Universums erfahren wird. Dass wir heute dazu in der Lage sind, in 380 Millionen km Entfernung von unserem Heimatplaneten ein hochtechnisiertes Fahrzeug mit einem kompletten Labor zur Analyse von Gesteinsproben fernsteuern, das zeigt (sternen)klar, dass es sich bei solchen „galaktischen“ Technologieentwicklungen der Menschheit nicht mehr nur um „Science Fiction“, sondern um handfeste Wissenschaft und für die Zukunft der Menschheit bedeutsame Veränderungen handelt.

Die Digitalisierung, die vor wenigen Jahrzehnten durch die Computerisierung in Gang gesetzt wurde, ist heute allgegenwärtig. Die andauernde Miniaturisierung elektrischer Schaltkreise, Mikroprozessoren und ganzer Computersysteme treibt die (schier) grenzenlose Verfügbarmachung von immer komplexeren und intelligenteren Systemen voran. Gordon Moore erkannte bzw. vorhersagte 1965 eine nach ihm benannte Gesetzmäßigkeit, dass sich die Integrationsdichte von integrierten Bauelementen alle 18 Monate bis 2 Jahre verdoppeln würde. Bis heute hat sich diese Geschwindigkeit der Integrationszunahme kaum verringert und soll noch ein paar Jahre anhalten.

Wir sprechen von „Internet of Things“. Im Moment sind die digitalen Systeme noch Werkzeuge des Menschen. Es sind technologische, aber auch biologische Erweiterungen oder Ersatz menschlicher Funktionalitäten oder Organe. Die computerisierte/digitalisierte Brille „Google Glass“ ist ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie unterschiedlich aktuell solche zukunftsorientierten Entwicklungen aufgenommen werden. Vom absoluten Fan bis zum Menschen, der schon fast eine Hassrede zu diesem neuen Werkzeug hält, finden wir jeden Typus unter den Menschen. Und ja, es gibt Chancen und Risiken, beide beginnen mit der Geburt eines Menschenleben. Im Vergleich zu dem, was die Digitalisierung in den kommenden Epochen bringen wird, ist Google Glass aus meiner Perspektive gar nichts. Auch wenn natürlich mit ihr neue Wege beschritten bzw. bereits angetretene verfestigt werden. Bei weiterem Fortschritt sehe ich grundsätzlich 2 Paradigmen: Die Annäherung des Menschen an die Maschine und die Annäherung der Maschine an den Menschen. Die Konsequenz dieser Entwicklungen könnte auf der nächsten Evolutionsstufe der „Digitale Mensch“ sein. Heute würde man darunter eine Person verstehen, die mit Computer und Internet (und weiteren digitalen Fortsetzungen) umzugehen weiß. In nur wenigen Hundert Jahren, also vielleicht im Jahre 2350 oder auch „erst“ im Jahre 2800, könnte es den komplett digitalisierten Menschen geben. Die Bausteine, Zellen, Gewebe, Organe, Botenstoffe könnten sowohl biologischer als auch technischer Natur sein, je nachdem, welche Materialien sich bis dahin als am langlebigsten erwiesen haben. Wenn man bis dahin die Selbstvernichtung der Menschheit (Kriege, Einsatz der Atombombe usw.), Angriffe durch Pandemien, Katastrophen durch die Natur der Erde oder das Universum vermeiden konnte, und vielleicht sogar noch Ressorcenfreiheit erreicht hat, dann wäre das nicht die entscheidende Frage. Die Grenzen zwischen biologischen und technologischen Trägern mögen zudem verschwimmen. Ob der voll digitalisierte Mensch dann 200 oder 500 Jahre „halten“ würde, wäre weniger relevant, insofern seine komplette logische und emotionale Erfahrungswelt auf einem Chip gespeichert und auf einen digitalen Mensch-Prototyp übertragbar wäre. Innerhalb der Übergangsjahrzehnte und Jahrhunderte mag der Mensch den Sinn seiner eigenen Existenz überdenken. Denn bis zum heutigen Tage bringt die Sterblichkeit des Individuums eine überaus große Anzahl von Vorteilen mit sich. Einer davon ist der Schutz vor Not und Elend. Stellten wir uns nur einen Inhaftierten während der Nazizeit vor. Ein Elend, das niemals, auch nicht nach Hunderten von Jahren, enden würde? Der Tod ist für mich in der aktuellen Evolutionsphase der Menschheit so etwas wie „die letzten Gerechtigkeit für alle“. Wenngleich der einfache Tod für schwerste Kriegsverbrecher auch als ein Hohn auf die Menschlichkeit angesehen werden kann. Doch gleichzeitig existiert dieser Wunsch nach Unsterblichkeit wohl in den meisten von uns. Oder wenigstens mal ausprobieren. Sagen können „Meine Mutter starb im hohen Alter von 280 Jahren, zum Glück musste sie sich nicht lange quälen“. Das wäre doch was. Oder?

Was ich erstaunlich finde: Die Erreichung eines (theoretisch) unsterblichen Lebens oder zumindest einer um ein Vielfaches höheren Lebenserwartung als heute (z. B. 250 Jahre statt durchschnittlich 80 Jahre) erscheint mir viel wahrscheinlicher als die Lösung grundsätzlicher Menschheitsfragen wie Krieg und Frieden. Der Mensch scheint zum Frieden fast nicht geboren zu sein. Es geht los beim kleinen Streit und endet mit der Atombombe. Und mittendrin wird ein deutscher Ausstauschschüler bzw. Student einer Highschool in den USA von den Patronen einer Schrotflinte mehrfach und tödlich getroffen, als dieser sich unbefugt Zugang zu einer fremden Garage verschaffte oder es danach aussah. Gäbe es diese Waffenfreiheit nicht, hätte ein Faustschlag genügt, und ein junger Mensch wäre noch am Leben. Muss wirklich erst wieder ein Asteroid auf der Erde einschlagen, bis sich die Menschheit verbündet und als etwas Ganzes auf unserem wunderbaren, einzigartigen Planeten betrachtet?

Wenn heute ein Mensch stirbt, dann erlischt seine Lebensgeschichte, zumindest in ihm selbst. Das Netzwerk der Neuronen zerfällt, Erinnerungen werden quasi auch physikalisch gelöscht. Beim sterbenden Digitalen Menschen 2500 würde dieser ultimative, im eigenen Organismus angelegte, letzte Befehl „Löschen!“ möglicherweise nicht ausgeführt. Mit allen Vor- und Nachteilen, die damit verbunden sein könnten. Wie schwer oder wie leicht wäre es überhaupt, sein eigenes Leben (vorzeitig, z. B. bereits vor Ablauf der ersten 1000 Lebensjahre) zu beenden? Wird es einen dedizierten Knopf für den „Shut down“ geben? Oder müsste man 2 andere Digitale Menschen finden, die gleichzeitig den „roten Knopf“ drücken?

Digitalisierung und Unsterblichkeit. Die Umsetzung und Fortführung der Digitalisierung sowie das Streben nach Unsterblichkeit oder zunächst einem deutlich verlängerten Leben, beides sollte mit dem Wahrnehmen oder dem Andenken einer ethischen Verantwortung einher gehen. Der Mensch sollte sich zunehmend als *eine* Wesensart auf der Erde verstehen, die in Austausch und Kooperation lebt. Und zwar lebt. Nicht stirbt, nicht dahin siecht. Nicht mordet. Allein dieses – dann wirklich neue – Selbstverständnis könnte eine unglaubliche Menge an Ressourcen frei setzen. Es geht um den Menschen. Es geht um die Menschheit. Es geht um uns!

Update:
Hier noch ein Fundstück im Netz, das ganz gut zum Thema passt:
http://bit.ly/man-machine-tatoo | Quelle: http://bit.ly/man-machine-tatoo-source

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Ein Kommentar zu Digitalisierung, Unsterblichkeit, Verantwortung

  1. Sabine sagt:

    Einstein: I know not with what weapons World War III will be fought, but World War IV will be fought with sticks and stones.

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