Künstliche Intelligenz und Prechts schöngeistiger Irrtum

In seinem Buch „Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?“ zitiert Richard David Precht (geb. 8.12.64 in Solingen) einen Gelehrten, der in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts den Ausspruch „(ego) cogito, ergo sum“ an den Anfang seiner Philosophie stellte. René Descartes (1596-1650) war es, der Bewusst-Sein und das Sein miteinander verband. Was sagte wohl ein Nachfahre von Precht dazu, wenn er 500 Jahre nach Descartes, im Jahre 2140 auf der Straße angesprochen würde von einem Künstlich-intelligenten Soziogenten (Kiso): „Ich denke, also bin ich!“?

Richard David Precht: Podium am KIT (Studentenhaus) „Ernährung der Zukunft“ (7.11.2016)
Foto: Michael M. Roth, MicialMedia

Also gut. Der Überschrift und allem, was noch kommen mag in diesem Artikel, zum Trotz, oute ich mich mal als Fan von Precht. Ich denke, er ist zu einem großen Grad ein populärwissenschaftlicher Philosoph. Was könnte der Menschheit und unseren Zeitgenossen Besseres passieren als ein Mensch, der einerseits selbst über das Leben nachdenkt, seine Gedanken auch noch in verständlicher Sprache vermittelt und auf der anderen Seite somit zum Denken und Nachdenken inspiriert?! Also ein Glücksfall für unsere Zeitgeschichte? Ich möchte meinen: ja. Dazu gehört auch, dass ein sogar in den Fächern der Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte Studierter weder als Gott noch als Halbgott wird in die Überhaupt-Geschichte eingehen können. Wir sollten inspiriert werden nicht verwechseln mit erwarten. Selbst eine definitive Weltverbesserin wie die inzwischen 17-jährige Friday-For-Future-Initiatorin Greta Thunberg (geb. 3.1.2003 in Stockholm) konnte nicht hinsichtlich jeder der Millionen von Lebensfacetten alle beglücken. Obgleich viele ihr „Versagen“ maximal auszuschlachten versuchten, als sie während einer Bahnfahrt mit Plastikgeschirr erwischt wurde, und das als Umweltaktivistin, meine Damen und Herren!

Doch zurück zu Richard David Precht. Der Gegenwartsphilosoph inspirierte und inspiriert uns sicher auf einigen Gebieten. Themen wie „Fleisch“ essen in der Zukunft, ohne das Abschlachten von Tieren fand ich reizvoll. Oder den Gedanken, dass es keine Kinder mehr in der Schule geben sollte, die „sitzen bleiben“. Abholen und mitnehmen, projektbezogen, fähigkeitsangepasst und -fördernd, versus zurück lassen. Tolle Ideen!

Im Zuge der Digitalisierung warnt Precht nicht zu Unrecht vor dem möglichen Verlust von Arbeitsplätzen. Er sieht sogar Chancen und Einsatzbereiche für die Künstliche Intelligenz, in denen sie ein nützliches Werkzeug für den Menschen sein könnte. Dennoch: Das große Bild von der KI, das freilich besonders von US- oder auch anderen internationalen Konzernen just gezeichnet wird, möchte der Philosoph am liebsten klein halten.

Für t3n interviewte Luca Caracciolo (geb. 17.9.78 in Wolfsburg) Richard David Precht (RDP) zu seinem aktuellen Buch „Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens“:
Precht im Interview: Ewiges Leben in der Cloud? „Nein, danke!“.
Ähnlich wie im Buch „Digitaler Humanismus“ (2018) des ebenfalls großartigen Philosophen Julian Nida-Rümelin (geb. 28.11.54 in München) und der Literaturwissenschaftlerin Nathalie Weidenfeld (geb. 1970 in Frankreich) stimmt RDP ein in das Hohelied der Maschine als das ewige Werkzeug des Menschen.
Richard David Precht sagt im Interview:

„Und das, was der Mensch kann – sich in sehr komplexen Situationen zurechtfinden und ganz, ganz viele Aspekte einschließlich der emotionalen zu erwägen –, das kann künstliche Intelligenz in vergleichbarem Umfang nicht und wird es auch auf sehr lange Zeit nicht können.“

Lieber Richard David Precht: Bitte definieren Sie „sehr lange Zeit“! Wenn wir mal die nächsten 1.000 Jahre betrachten, und das werden bald kaum mehr als 10 Menschenleben in Reihe sein, würden Sie es für möglich halten, dass jene Umbrüche, die Sie jetzt noch nicht sehen und schon gar nicht diskutieren wollen, eher in den ersten 500 oder in den zweiten 500 Jahren stattfinden werden? Sie sind ein Philosoph und haben (mindestens) bis Descartes zurück gedacht, was wiederum knapp 500 Jahre sind.

Richard David Precht hat ein Gedankengerüst erbaut, mit dem er begründet, dass und warum man Künstlicher Intelligenz keine Moral beibringen kann. Unterstellt wird, dass auch KI-Systeme immer nur programmiert werden, vom Menschen, versteht sich. Damit könnten sie immer nur einer Moral oder Logik folgen. Oder eben gar keiner Moral, da sie dazu nicht frei genug wären. Übersetzt bedeutet dies, ihnen fehle die Autarkie. Parallel begründet durch das Fehlen von Emotionen.

Dabei haben KI-Systeme schon heute zwei Eigenschaften: Sie besitzen eine Datenbasis („Ground Truth“) und die Fähigkeit, durch Vernetzung und Abgleich von Daten zu Schlussfolgerungen zu kommen. Z. B. zeigt man einer Hund-Erkennungs-KI 100 Hunde. Den 101. Hund erkennt die KI dann selbst bzw. kann diesen (zumindest!) von einer Katze unterscheiden. Dabei ist das, was wir heute an KI sehen, gerade mal der Urozean der Entwicklung in der IT-Geschichte. In 1.000 Jahren wird man genau dies sagen. „Damals, Anfang des 21. Jahrhunderts, versuchten die Menschen an der Hybris der maximalen Intelligenz und der intuitivsten Emotionen festzuhalten, während gleichzeitig die Technologieentwicklung ihren Lauf nahm …“

Schauen wir uns den Menschen an. Er hat ein Grundwissen, quasi eine Firmware, besitzt die Fähigkeit zu lernen, hat Sensoren zur Wahrnehmung von Umweltreizen und Organe, die die Vernetzung und Kommunikation ermöglichen. Nichts anderes haben KI-Systeme, heute in Ansätzen, morgen in aller Ausführlichkeit. In Bezug auf die Evolution ist es nahezu unerheblich, ob der Wandel in 100 oder in 1000 Jahren stattfinden wird.

Und in Bezug auf Ethik und Moral. Wer ethische Fähigkeiten besitzt, der oder die hat das Zeug zur Ausbildung und Anwendung von Moralen. Genau das verbirgt sich hinter meiner Philosophie von der Ethischen Intelligenz. Um aber dort hinzukommen, muss man sich lösen von dem Gedanken, dass „Maschinen“ allzeit immer nur programmiert werden können. Ganz abgesehen davon, dass der Mensch viel zu lange sein Handeln auf die Ausbeutung der Natur richtete, was ihm kurzfristig oder epochenhaft (scheinbar) zu Glück und „Reichtum“ verhalf, ist es nun an der Zeit, Soziogenten per se eine größere Aufmerksamkeit zu schenken. Das fängt an bei den Bäumen, es geht weiter zu den (armen!) Schweinen in der Massentierhaltung bis hin zu KI-Systemen der Zukunft (Kisos), die den Menschen im einfachsten, für uns aber auch nicht wirklich vorteilhaften Fall, „nur“ ignorieren oder ihn – noch dramatischer für uns – auslöschen könnten. Wenn, ja wenn eben jene Kisos nach den selben Prinzipien handeln werden, wie wir Menschen heute. Denn der Mensch sieht sich gegenwärtig als das intelligenteste Wesen auf dem Planeten und schlussfolgert daraus, dass er sich quasi alles herausnehmen darf. Von der Züchtung und Abschlachtung gut schmeckender Tiere über die Zerstörung der Wälder als der Lunge der Erde, mit deren Zerstörung der Mensch sein eigenes Todesurteil unterzeichnet, bis hin zur groß angelegten Teilvernichtung der eigenen Art in Form von Genoziden.

Was bei RDP zumindest im Kontext mit KI scheinbar oder offenbar kaum zur Sprache kommt: Ist die Ethik der eigenen Art. Sogar wenn wir noch 1.000 Jahre ohne KI leben würden, wäre es aller höchste Zeit für den Menschen, ethische Standards weltweit einzuführen. Und wenn KI kommt, auch die Superintelligenz, von der Richard gar nichts wissen möchte, dann stehen noch mehr Ausrufezeichen hinter dem Imperativ: „Menschheit, finde Deine oder besinne Dich Deiner Ethischen Intelligenz!“.

Wie Richard David Precht richtig festgestellt hat, besitzt der Mensch eine große und großartige Fantasie. Diese resultiert im Übrigen nicht aus dem luftleeren Raum, sondern ist die Konsequenz aus diesem, was wir wissen und jenem, was wir hinzu gelernt haben. Wenn eine Katze von links nach rechts über die Straße läuft, dann liegt es im Bereich unseres Vorstellungsvermögens, dass dieselbe Katze die Straße anschließend vice versa von rechts nach links überquert.

Es muss aber nicht jeder gleich ein Nikolai Kardaschow sein (1932-2019), der schon Mitte des 20. Jahrhunderts von Zivilisationen sprach, die ihren Energiebedarf nicht nur über ihren Heimatstern, sondern womöglich über Galaxien oder darüber hinaus nutzen, in Zukunft oder bereits parallel, irgendwo in diesem schier unendlich großem Universum. Ja, dafür braucht man schon eine große Vorstellungskraft. Aber bis zum Mars ist es gar nicht mehr so weit. Dass sich RDP dafür nicht interessiert, zeigt, dass er überwiegend ein Jetzt-Philosoph ist. 200 oder 500 Jahre mögen da schon Zeiträume sein, die für ihn außerhalb des eigenen Blickfeldes liegen. Das ist in Ordnung. Gerade jetzt brauchen wir Ideen, wie wir aktuell unsere Gegenwart und nahe Zukunft gestalten. Für mich gehört Künstliche Intelligenz dazu, am liebsten kombiniert mit Ethischer Intelligenz, die ich auch für den Menschen einfordere und sukzessive für immer mehr Soziogenten des Planeten Erde.

Die Beschuldigung Prechts gegenüber den Top-Digital-Konzernen in den USA halte ich für einseitig. Zu den wirtschaftlichen Triebkräften gehören Innovationen. Und natürlich auch Profite. Schauen wir uns die deutschen Automobilbauer an. Wo waren da die Innovationen in den letzten Dekaden? Viel zu lange setzte man auf Verbrenner. Eine einseitige Anklage des imperialistischen (noch weiter westlichen) Westens erscheint mir wenig konstruktiv. KI kommt so oder so. Würde es Facebook, Google und Amazon nicht geben, gäbe es es Neckbook, Giigle und Umuzon. Zu den Triebkräften gehören ganz einfach auch nur die Neugier des Menschen. Gleichzeitig werden Verantwortung und das Hinterfragen ethischer Aspekte immer wichtiger. Neben den Risiken birgt Künstliche Intelligenz jede Menge an Chancen. KI könnte uns ganz signifikant dabei unterstützen, die Welt besser zu verstehen und unsere Leben sinnvoller, effizienter und schöner zu gestalten; vor allem weniger disruptiv unseren Mitsoziogenten gegenüber. Dann, wenn KI eines Tages mehr sein wird als ein „System mit Inselbegabung“.

Bild und Text: Michael M. Roth, MicialMedia

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